Tragen - ist das gut für ein Kind?

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor, schreibt über die Auswirkungen des Tragens auf Gesundheit und Entwicklung: Tragen – ist das gut für ein Kind?

Menschenkinder sind Traglinge

Menschenkinder sind Traglinge

geschrieben von Nana für Rabeneltern

Wenn ein Mensch zur Welt kommt, so ist er im Vergleich zum „ausgewachsenen“ Menschen, wie wir alle wissen, noch ein recht unselbständiges, hilfebedürftiges Wesen.
Biologen unterscheiden den Nachwuchs der verschiedenen Tierarten in Nesthocker, Nestflüchter und Traglinge. Der Mensch zählt zur letzten Kategorie. Warum ist das so?

Nesthocker bleiben, wie der Name schon sagt, eine bestimmte Zeit nach ihrer Geburt im von den Eltern gebauten Nest und werden dort von ihnen mit allem versorgt, was sie brauchen. Nestflüchter dagegen sind gleich nach der Geburt so selbständig, dass sie die Eltern entweder gar nicht mehr brauchen, oder sich im Schutz der Herde frei bewegen und zur Mutter zum Trinken kommen, wenn sie es brauchen. Traglinge (dazu zählen die Primaten, also auch der Mensch) dagegen werden dicht am Körper der Mutter getragen und verlassen diesen ganz zu Beginn ihres Lebens gar nicht und mit der Zeit umso mehr, je ausgereifter ihre Körperfunktionen und Fähigkeiten werden. Ein Tragling hat sich zum Ende der Schwangerschaft weit genug entwickelt, um aus seiner „Schutzhülle“ in die ungeschützte Außenwelt entlassen zu werden. Das heißt aber nicht, dass er für sich selbst sorgen kann. Um den Geburtsschock beim Eintritt in die für ihn gefährliche Außenwelt zu vermindern, sind bestimmte Körperfunktionen noch beeinträchtigt, z.B. das Seh- und Hörvermögen. Bestimmte Hirnregionen nehmen erst im Laufe der Zeit NACH der Geburt ihre Funktion auf! Dies gewährleistet ein langsames Herantasten an die Umwelt und einen gewissen Schutz vor Reizüberflutung. Somit ist ein Tragling eigentlich eine „physiologische Frühgeburt“, die den vollen Schutz durch engen Körperkontakt benötigt.
Man kann beim menschlichen Neugeborenen und auch älteren Baby sehr gut weitere Eigenschaften erkennen, die ihn zum Tragling machen: einerseits die Beugung in den Gliedmaßen, andererseits der ausgeprägte Greifreflex. Wer kennt ihn nicht, den „Wäscheleine-Test“? Dies sind alles Relikte aus der Zeit, in der die Menschen noch ein Fell besaßen und die Babies sich daran festklammern konnten. Heute haben wir zwar kein Fell mehr, können aber einfache Tragehilfen benutzen.

Vom Körper des Tragenden aus empfindet und erfährt das Baby seine neue Umwelt. Es kann sich voller Vertrauen darauf verlassen, dass es geschützt ist, dass es jederzeit Nahrung aufnehmen kann und sich von den vielen neuen Eindrücken zurückziehen und schlafen kann.
Das Kind wird mit der Zeit, seinen wachsenden Fähigkeiten entsprechend, immer öfter und für immer längere Zeit in der Lage sein, den Körper des Tragenden zu verlassen und selbständig die Umwelt zu erkunden.
Was passiert nun aber mit einem Neugeborenen, das „abgelegt“ wird?
Es protestiert und fängt womöglich an zu weinen. Da ein Baby in diesem Alter noch nicht zu vernunftmäßigem Denken in der Lage ist, resultiert dieses Weinen aus seinen Urinstinkten, die ihm signalisieren, dass es in Gefahr schwebt, wenn es sich nicht in seiner schützenden Umgebung befindet, welche in der allerersten Zeit der Körper des Tragenden für es ist. Es weiß ja noch nicht, dass ihm im Kinderbett oder auf der Krabbeldecke keine Gefahr droht, und es ist auch noch nicht in der Lage, dies zu begreifen.

Hier wird ein Dilemma deutlich: Die Urinstinkte und Erwartungen des Menschenbabys stimmen nicht mit unseren heutigen Lebensgewohnheiten überein. Wir sollten nicht versuchen, Kinder in unsere gesellschaftlichen Normen hinein zu pressen. Schließlich verändern sich körperliche Fähigkeiten und Instinkte der Menschheit im Laufe der Evolution nur sehr langsam im Vergleich zum rasanten industriellen „Fortschritt“.

„Während seiner Zeit im Mutterleib sollte es dem kleinen Menschenwesen noch vergönnt sein, den Entwicklungsstadien seiner Vorfahren geradlinig zu folgen, vom Einzeller durch das amphibische Stadium und weiter zum geburtsbereiten homo sapiens, ohne daß ihm viel geschieht, worauf die Erfahrung seiner Vorfahren im Mutterleib es nicht vorbereitet hätte.“ (Jean Liedloff, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück, Kap. 3, Der Beginn des Lebens)*

Geben wir also unseren Kindern die Gelegenheit, sich langsam und auf sanfte, für ihr Empfinden sichere Weise in unserer modernen Welt zurechtzufinden, indem wir sie (vor allem zu Beginn ihres Lebens) so oft und so lang sie es möchten, tragen. Schenken wir ihnen das Vertrauen, welches sie so dringend benötigen, um zu selbstsicheren, selbständigen Erwachsenen zu werden.

*siehe Literatur-Tipps

Link zum Artikel

Anatomische Grundlagen

Wirbelsäulenaufrichtung

Die kindliche Wirbelsäule macht drei Aufrichtungsstadien in ihrer Entwicklung durch, bevor sie die endgültige S-Form erlangt. Nach der Geburt befindet sich die Wirbelsäule in der Totalkyphose. Die Wirbelsäule ist vollständig gerundet, alles erinnert an den Zustand im Mutterleib. Diese Haltung sollte auch bis zur ersten Aufrichtung unterstützt werden. Das Kind darf in dieser Rundhaltung auf keinen Fall in sich zusammensacken, sondern es sollte vielmehr jeder einzelne Wirbel in dieser Haltung gestützt werden.

Auch grössere Babys und Kinder machen ihren Rücken im Schlaf ebenso rund wie in diesem Stadium als Neugeborenes. Deshalb ist es auch beim späteren Tragen so wichtig, dass das Kind sich im Schlaf im Tuch oder der Tragehilfe „rundmachen“ kann.
Die erste Aufrichtung der Wirbelsäule beginnt im Alter von ca. sechs Wochen nennt sich Halslordose. Die sieben Halswirbel richten sich auf und das Baby kann sein Köpfchen heben und kurze Zeit halten. Die Halslordose ist mit etwa vier Monaten abgeschlossen.

Bei der anschliessenden Brustkyphose bleibt die Brustwirbelsäule kyphotisch. Die Beuge- und Streckmuskeln am Körper müssen kräftig genug sein. Erst wenn das Baby allein frei sitzen kann (im Alter von ca. 8-10 Monaten) ist die Brustkyphose abgeschlossen.

Die schliesslich letzte Aufrichtung heißt Lendenlordose. Sobald es selbständig laufen kann, ist diese Streckung abgeschlossen und das Kind hat die für den Menschen typische Wirbelsäule in S-Form.

Alle diese Perioden gehen fließend ineinander über und sind je nach Entwicklungstempo von Kind zu Kind unterschiedlich lang.

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Hüftentwicklung

Babys haben von Geburt an den Reflex, ihre Beine und die Hüfte in eine optimale Position zu bringen. Hebt man ein Baby hoch, und verliert es mit den Füßen den Bodenkontakt, so zieht es automa
tisch die Beine an und bringt sie in die Anhock-Spreiz-Haltung (kurz: ASH). Daran sieht man, dass das „Reiten auf der mütterlichen Hüfte“ den Kindern angeboren ist, denn diese Position des Kindes passt optimal auf die Hüfte der Mutter.

Bei einer korrekten Anhock-Spreiz-Haltung sind die Knie des Kindes etwa auf seiner Bauchnabelhöhe, was einem Winkel von ca. 110° entspricht (Anhockung). Die Abspreizung der Oberschenkel zueinander beträgt bei einem Baby ca. 90°, also ein Winkel von 45° auf jeder Seite. In dieser Position trifft der Oberschenkelknochen genau im richtigen Winkel in die Hüftpfanne und ermöglicht so eine optimale Verknöcherung des Hüftgelenkes.

Mehr dazu in folgendem Artikel von Dr. E. Fettweis: Auf Mamas Hüfte reiten.

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Artgerechte Haltung

Artgerechte Haltung – Warum der menschliche Säugling ein Tragling ist

von Astrid Weih für ILEY – das Onlinemagazin

Die Nachkommen der Säugetiere wurden lange Zeit ausschließlich in die beiden Kategorien
Nesthocker und Nestflüchter eingeordnet. Diese Einteilung passte jedoch nicht für alle
Arten, insbesondere nicht auf den Menschen.

Vor 35 Jahren wurde daher zusätzlich der Begriff des Traglings eingeführt.

Nesthocker nennt man die Tierkinder, die nackt, gehörlos und blind geboren werden. Die Eltern dieser Arten
bauen an geschützter Stelle ein Nest, in dem sie die Jungtiere zurücklassen, während sie auf Nahrungssuche
gehen. Die Jungen wärmen sich gegenseitig und sind zufrieden, solange sie in ihrem Nest sind. Nimmt man sie
heraus, beginnen sie geräuschvoll zu protestieren. Das Verbleiben im Nest bis zum Erlangen eigener
Fortbewegungsfähigkeit ist ihre natürliche Erwartung und Überlebensstrategie. Werden sie getragen verfallen sie
in eine Tragestarre, die es den Eltern möglich macht, sie bei Gefahr schnell und geräuschlos an einen anderen
Ort zu bringen. Typische Nesthocker sind die Nachkommen kleinerer Säugetiere, wie beispielsweise die der
Katzen, Hunde oder Mäuse.

Nestflüchter sind überwiegend Einzeljunge. Sie werden behaart, mit offenen Augen und Ohren und so weit
entwickelt geboren, dass sie sich schon kurz nach ihrer Geburt selbständig fortbewegen und ihrer Mutter folgen
können. Das Nestflüchterjunge reagiert bei Verlust des Sichtkontaktes zu seiner Mutter mit lautstarkem Protest.
Seine natürliche Erwartung ist es, die Mutter nach der Geburt in erreichbarer Nähe zu haben. Anschauliche
Beispiele für den Typus des Nestflüchters sind die Jungen der Herdentiere, wie Fohlen, Lämmer oder
Elefantenjunge.

Wollten die Biologen vor der Einführung des Begriffes Tragling, den menschlichen Säugling in eine der
herkömmlichen Kategorien einordnen, ergaben sich einige Unstimmigkeiten. Zwar wird er wie der Nestflüchter mit
offenen Augen und Ohren, vorwiegend als Einzelnachkomme geboren, doch ist er anatomisch nicht so weit
entwickelt, dass er seiner Mutter folgen könnte. Mit dem Nesthocker zeigt er noch weniger Ähnlichkeit. Er bleibt
weder zufrieden in einem Nest zurück, noch verfällt er beim Tragen in eine Tragestarre. Außerdem weist er
Besonderheiten auf, die Nesthocker und Nestflüchter nicht auszeichnen. Zum einen protestiert er schon bei
Aufhebung des Körperkontaktes und nicht erst bei Verlust des Sichtkontaktes zur Mutter. Zum anderen verfügt er
über Reflexe, wie den Klammer-, den Festhalte- oder den Anhockreflex, die den anderen Arten fremd sind.

Ähnliche Widersprüche und Besonderheiten ergaben sich auch bei anderen Tierarten, wie beispielsweise den
Koalabären, den Faultieren und verschiedenen Affenarten. Die Jungen dieser Tiere verbleiben nicht im Nest und
folgen auch nicht selbständig ihrer Mutter, stattdessen werden sie auf verschiedene Weisen getragen. So trägt
das Krokodil seine Jungen im Maul, das Känguru die Seinen im Beutel und die Kinder der kleineren
Primatenarten klammern sich bäuchlings oder rücklings an ihrer Mutter fest.

Der Biologe B. Hassenstein führte daher im Jahre 1970 den Begriff des Traglings ein. Traglinge zeichnen sich
dadurch aus, dass sie von den Eltern getragen werden, bis sie sich selbständig fortbewegen können. Sie sind
anatomisch an das Getragenwerden angepasst. Dies äußert sich unter anderem in Reflexen, die dieser Art der
Fortbewegung entgegenkommen. Die natürliche Erwartung des Traglings ist es, während seines Tragealters in
Körperkontakt zu seinen Eltern zu sein. Er zeigt die Aufhebung des Körperkontaktes klagend an. Heute ist
wissenschaftlich unumstritten, dass Menschenkinder zu den Traglingen gehören. Nimmt man einen Säugling auf,
hockt er prompt die Beine an und nimmt die sog. Spreiz-Hock-Stellung ein, mit der er sich perfekt auf der
tragenden Hüfte „anklammern“ kann. Er weist Greif- und Festhaltereflexe als Relikte aus stammesgeschichtlichen
Zeiten auf, die darauf hindeuten, dass er sich zu Zeiten in denen der aufrechte Gang noch nicht entwickelt und
die Ganzkörperbehaarung noch nicht verschwunden war, aktiv am Tragen beteiligt hat. Die Haltung, die der
Säugling beim Tragen einnimmt, vermittelt ihm wichtige Wachstums- und Entwicklungsreize.

Die biologische Vorsehung des menschlichen Säuglings ist es, getragen zu werden, bis er sich selbständig
fortbewegen und die Nähe zu seinen Bezugspersonen selbst aufrecht erhalten kann.

Vorurteile & Fakten

Quelle: tragenetzwerk.de

Vorurteile vs. Fakten

Tragen ist so alt wie die Menschheit, und fast ebenso alt sind schon einige Vorurteile und falsche Vorstellungen, die noch immer über das Tragen kursieren. Wir haben sie gesammelt – zusammen mit Forschungsergebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen, die sie widerlegen.

Vorurteil: Babys müssen in den ersten Wochen viel liegen.
Stimmt nicht! Menschenbabys gehören wie Affen, Kängurus und Koalas zu den Traglingen – sie sind von Geburt an perfekt auf das Tragen in aufrechter Position vorbereitet. Getragenwerden erfüllt ihr Grundbedürfnis nach Körperkontakt und Nähe, das Bewegtwerden gibt Sicherheit und fördert ihre körperliche Entwicklung. Tragen gehört zur bedürfnisorientierten, liebevollen Betreuung eines Kindes dazu!

Vorurteil: Tragen macht einen krummen Rücken.
Stimmt nicht! Eine umfangreiche Studie mit 400 Kindern, die viel getragen wurden, ergab sogar das Gegenteil: Diese Kinder litten unter weniger Haltungsschäden als der Durchschnitt der Bevölkerung. Gesundes Tragen unterstützt den Rücken des Kindes umfassend und gibt dem Kind optimale Anreize für eine gesunde Entwicklung.

Vorurteil: Das Baby bekommt nicht genügend Luft beim Tragen.
Stimmt nicht! Eine Studie der Uni Köln hat nachgewiesen, dass Kinder auch im Tuch ausreichend mit Sauerstoff versorgt sind. Bitte achten Sie stets darauf, dass Ihr Kind freie Atemwege hat und sein Gesicht nicht abgedeckt wird beim Tragen.
Vorurteil: Tragen, das machen nur Ökos.
Stimmt nicht! Tragen ist Trend, Tragen ist schick und Tragen ist einfach praktisch. Viele Stars tragen ihre Kinder, darunter z. B. Orlando Bloom, Gisele Bündchen oder Gwen Stefani. Der Markt hält mittlerweile für jeden das passende Modell, die passende Farbe, das passende Material bereit. Auch für Ökos 🙂

Vorurteil: Dauernd tragen, da lernt das Kind nie laufen.
Stimmt nicht! Tragen bewegt das Kind zusammen mit dem Körper des Erwachsenen in natürlicher Weise. Ein besseres Training für die motorische Entwicklung und den Gleichgewichtssinn gibt es nicht.

Vorurteil: Tragen verwöhnt das Kind zu sehr, es wird nie selbstständig.
Stimmt nicht! Das Gegenteil ist der Fall. Tragen fördert einer Studie zufolge den Aufbau einer sicheren Eltern-Kind-Bindung. Eine sichere Bindung ist die Basis für gesundes Selbstvertrauen und Entwicklung. Sicher gebundene Kinder erkunden ihre Umwelt eigenständiger und sicherer als schlechter gebundene Kinder. Aber erst dann, wenn sie selbst dazu bereit sind. Und mindestens bis dahin können Sie Ihr Kind getrost tragen so viel Sie beide es wollen – ohne Angst, es zu verwöhnen. Hier noch ein guter Artikel von PD Dr. Brisch dazu: Verwöhnte Babys? Deutsche Sorge

Vorurteil: Sobald das Kind schwerer wird ist das mit dem Tragen sowieso unbequem und macht Rückenschmerzen.
Stimmt nicht! Das Kind wächst, wird schwerer, entwickelt sich weiter, und genauso müssen sich auch die Trageweisen weiter entwickeln. Ein schlafendes Neugeborenes im Tuch vor dem Bauch – das ist das Bild, was die meisten Menschen in der westlichen Welt vom Tragen im Kopf haben. Aber es gibt viel mehr Möglichkeiten: UnterschiedlicheTragepositionen und Tragehilfen, je nach Situation und Bedarf von Kind und Tragenden. Neben den klassischen Tragetüchern gibt es eine Vielzahl verschieden aufgebauter und gepolsterter Tragehilfen, so dass Sie auch schwere und größere Kinder noch bequem und auch längere Zeit am Stück tragen können. Unsere Berater/-innen informieren Sie gerne über die verschiedenen Möglichkeiten und Modelle, einige bieten einen Mietservice und Verkauf an. Außerdem können Sie in spezialisierten Internetshops Testpakete mit verschiedenen Tragehilfen bestellen und so das optimale Modell herausfinden.

der beste Start ins Leben

von Pat Törngren

Wie man Babys den besten Start ins Leben ermöglicht

Nur wenige Erwachsene sehen einen Zusammenhang zwischen ihren heutigen Problemen und der Art, wie sie als Babys behandelt wurden. Und doch wird dieser Zusammenhang denen, die eine der gängigen Psychotherapien durchmachen, oft nur all zu deutlich bewusst. Ich hatte in meiner eigenen Therapie lange an dem Schmerz der überwältigenden Einsamkeit zu kämpfen, die ich als Baby empfunden hatte. Ich war nicht oft genug gefüttert und auch nicht annähernd so oft aufgenommen worden, als wie ich es gebraucht hätte und zudem musste ich ab der Geburt alleine schlafen. Mein Therapeut gab mir kürzlich ein Buch zu lesen, in dem genau bestätigt wurde, was ich in meinen Sitzungen mit ihm erlebte. Davon möchte ich hier berichten. Es ist ein Buch auf der Grundlage von archäologischen Untersuchungen mit dem Titel: Prehistory of Sex (Urgeschichte der Sexualität) von Timothy Taylor, veröffentlicht bei Bantam Books, 1997. Der betreffende Abschnitt ist der auf den Seiten 189-191.

Taylor stellt fest, dass in Jäger- und Sammler- Gesellschaften die Kinder bis in das Alter von etwa fünf bis sechs Jahren gestillt werden. Von dieser, sozusagen bedingungslosen Liebe, die mit dem Stillen verbunden ist, profitieren diese Kinder enorm. Sie lernen Vertrauen, Sicherheit und Zugehörigkeit. Besonders weist der Autor darauf hin, dass, weit davon entfernt in Anhängigkeit zu verfallen, diese Kinder eine ganz besonders ausgeprägte Selbständigkeit aufweisen, da sie nämlich ein starkes Selbstwertgefühl besitzen.

Er argumentiert weiter, dass dagegen in kriegerischen Gesellschaften sehr oft genau das Gegenteil passiert. Dort wird dem Kind die Muttermilch eher verweigert, und das Abstillen erfolgt viel früher. Dadurch wird das Baby in unverarbeitetem Schmerz, Wut und Zorn belassen, den es selbst weder verstehen noch ausdrücken kann. Im späteren Leben kommt das dann in der Form von aggressiven und gewaltbereiten Tendenzen gegen andere Personen und Gruppen zum Ausdruck. Auf diese Weise entstehen kriegerische Gesellschaften. Auch die Schweizer Psychologin Alice Miller beschreibt dieses Phänomen in ihren Büchern. 

Zur Zeit wird von Ärzten und Erziehern ein pädagogisches Modell propagiert, das sich „kontrolliertes Schreien“ nennt. Auch in einer hiesigen Zeitschrift über Kinderbetreuung war kürzlich ein solcher Artikel zu lesen. Mittels dieser Methode sollen nun die Eltern ihre Kinder unabhängig machen. Timothy Taylor hat indessen eine ganz andere Vorstellung von den tatsächlichen Folgen dieser Methode für die Babys.

Bei der „kontrolliertes Schreien“ genannten Methode lässt man nun das Kind jede Nacht ein klein wenig länger schreien, bevor die Eltern auf sein Bedürfnis nach Nahrung und Zuwendung eingehen. Im Ergebnis dessen ist dann das Kind irgendwann ganz ruhig. (Der Moment, an dem natürlich alle hoch erfreut sind in der Annahme, dass dem Kind jetzt bessere Gewohnheiten‚ antrainiert‘ wurden.)

Dagegen wendet nun Timothy Taylor ein, dass in Wirklichkeit jetzt ein elementarer Instinkt zum Tragen kam, der auch bei den meisten Säugetieren und Vögeln beobachtet werden kann. Das Baby fühlt intuitiv „Wenn ich hier meine Not signalisiere und niemand kommt, dann bin ich also verlassen worden. Um jetzt nicht zu sterben, muss ich Energie sparen. Schreien kostet mich aber Energie. Also muss ich, um zu überleben, mit dem Schreien aufhören und still sein“. Um also mit dem Schreien aufzuhören, muss das Baby sich mit dem Gedanken abgefunden haben, dass es verlassen worden ist.

Daraus ergeben sich aber ernste Konsequenzen. Unter Bezugnahme auf Martin Seligmans Theorie der „erlernten Hilflosigkeit“ argumentiert Taylor wie folgt: wenn ein Kind schreit, dem aber keine Beachtung geschenkt wird, auf seine dringenden Bedürfnisse also nicht eingegangen wird, so fängt es an, sich aus der Realität zurück zu ziehen. Sein Gefühl ist: „Egal, wie sehr ich schreie, es ändert ja doch nichts, es kommt keine Hilfe. Warum also weiter machen? Es ist ja sowieso zwecklos.“ Das aber kann das Kind nicht verarbeiten und um das zu überleben, verdrängt es diese Erkenntnis ins Unterbewusstsein und sucht dann die Empfindungslosigkeit des Schlafs. In der Fachsprache nennt man diese Verhaltensweise Dissoziation.

Die Erfahrung des vergeblichen Versuchs, auf die Umgebung einzuwirken und die Bezugsperson herzuholen, führt zu dem, was als „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnet wird. Sehr früh hat das Kind jetzt gelernt, dass der Versuch, seine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen und sich irgendwie Gehör zu verschaffen, zum Scheitern verurteilt ist. Das Tragische dabei ist, dass diese erlernte Hilflosigkeit eine Frühform von lebenslanger Depression darstellt. Wie vielen Eltern ist wohl bewusst, dass ihre braven und wohlerzogenen Babys schon Gefahr laufen, depressiv zu werden und es wohl auch später im Leben bleiben werden, es sei denn dies wird in langjähriger und kostspieliger Therapie bearbeitet? Und selbst dann ist einer Depression, die aus früh erlernter Hilflosigkeit herrührt, nur schwer beizukommen. Deswegen ist dringend geboten, jetzt endlich diese Situation zu verbessern.

Dr. Nils Bergman, Kapstadt, präsentierte bei der internationalen Konferenz zu ‚Kangaroo Mother Care‘ ( etwa: ‚Kangaroo-Methode der Säuglingspflege‘ ) einen Artikel, in dem er Studien von Lozoff et al (1977) zitiert. Diese hatten die Art der Kindererziehung bei Jäger- und Sammler- Völkern untersucht. Danach “ . . . ist allen diesen Gruppen gemeinsam, dass die Neugeborenen ständig getragen werden. Sie schlafen bei ihren Müttern, auf ihr Schreien wird umgehend reagiert, das Fütterungsintervall beträgt ein bis zwei Stunden und gestillt wird mindestens zwei Jahre lang.“ Weiter rief er alle Eltern auf, es bei ihren eigenen Kindern genau so zu machen.

Tragisch, aber für die meisten von uns kommt diese Information zu spät. Was mich persönlich so traurig stimmt ist folgendes. Obwohl meine Mutter an sich nicht sehr warmherzig war, so war sie doch sehr gewissenhaft: Wäre nun damals in den Büchern über Kindererziehung gestanden, dass sie mich nach der Geburt im Arm halten und trösten, mich aufnehmen und direkt am Körper tragen solle, dass sie mich bei ihr schlafen lassen und mich dann, wenn ich hungrig sei, füttern solle anstatt mich jede Nacht acht Stunden lang hungern zu lassen, dann hätte sie das auch genau so gemacht. Ich gehe davon aus, dass dann auch in meinen weiteren Leben einiges anders gelaufen wäre.

Statt dessen war ihr vom Arzt gesagt worden, sie solle mich nicht zu oft aufnehmen und mich unter gar keinen Umständen zwischen 22:00 Uhr und 06:00 Uhr füttern, weil da meine Verdauung Ruhe bräuchte. (Einige meiner tiefsten und schmerzlichsten Baby-Primals drehten sich dann um genau dieses entsetzliche, allnächtliche Martyrium von Hunger- und Verlassenheitsgefühlen.) Und weil sie nun einmal eine gewissenhafte Mutter war, hielt sie sich an diese ärztlichen Anweisungen peinlich genau.

Und doch ließen sie meine Schreie nicht unberührt und als sie den Arzt anrief um ihn zu fragen „So kann ich mein Kind doch nicht schreien lassen, was kann ich tun?“ war seine Antwort: “ Machen Sie was sie für richtig halten, aber füttern sie es auf keinen Fall vor sechs Uhr früh, weil das seinem Magen nicht gut tut“. Also trug sie mich jeden Morgen ab etwa vier Uhr durchs Haus, während ich schrie, gab mir dabei aber nie zu Essen. Wie sie mir später sagte, war sie dabei ziemlich verzweifelt. Mir selbst ging es damals nicht anders.

So deutlich, wie ich nur konnte, hatte ich mitgeteilt, dass ich Hunger hatte und Schmerz empfand. Aber anscheinend konnte ich ihr mit nichts klar machen, was ich brauchte. Was später dann zu meiner Angst führte, dass, egal wie eindeutig ich mich auszudrücken versuche, ich doch nie richtig verstanden werde. Von da rührt auch meine große Unsicherheit in Bezug auf Essen bzw. auch meine Furcht, es könnte nicht genug davon im Haus sein. Und zudem führte es dazu, mich selbst für schlecht zu halten und unwert, irgend etwas zu bekommen (nicht einmal zu Essen, wenn ich Hunger habe) weil ich natürlich die Gereiztheit und ihren Ärger darüber spüren konnte, jeden Morgen so früh aus dem Bett geholt zu werden.

Entsprechend hatte ich mein Leben lang mit geringem Selbstwertempfinden und mit dem Gefühl des Unwerts zu kämpfen, konnte ich auch nicht selbstbewusst auftreten, hatte aber Hilflosigkeit erlernt und war depressiv. Was mich ja dann auch dazu brachte, mich über viele Jahre mittels Psychotherapie von meiner Kindheit zu erholen.

Das meiste davon wäre vermeidbar gewesen, wenn dieser Arzt meiner Mutter geraten hätte, einfach ihrem mütterlichen Instinkt zu folgen und auf das zu hören, was ihr Baby ihr versuchen würde mit zu teilen. Aber genau das tat er nicht und wer den Preis dafür zahlen musste, war ich. Nun können wir zwar leider die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, was wir aber können, ist, alles zu tun, was in unserer Macht steht um heutigen Eltern dieses Wissen zugänglich zu machen. Sie müssen geradezu wieder-erinnert werden, wie Kinder aufgezogen werden sollten und man muss sie darin bestärken, ihren natürlichen mütterlichen Instinkten zu folgen. Damit die Kinder von heute glücklicher und gesünder aufwachsen, als wir selbst – wodurch auch die Welt hoffentlich ein klein wenig vernünftiger wird.

Eltern können sich auch aus dem Internet Unterstützung holen. Zwei gute Seiten, die ich empfehlen möchte sind, allerdings beide auf Englisch: „The Natural Child Project“ und „The Attachment Parenting Website“. Ich möchte sie allen nahe legen, die entweder schon ein Baby haben oder planen, in nächster Zeit eines zu bekommen. Dort wird „Attachment Parenting“ empfohlen, zu Deutsch etwa „bindungsorientierte Elternschaft“, also enger, liebevoller Körperkontakt zur Mutter bzw. zum Vater während der ersten Lebensmonate, Nahrungsreichung jeweils dann, wenn das Baby Hunger hat und nächtliches Schlafen nah bei den warmen Körpern der Eltern. Bleibt zu hoffen, dass diese fürsorglich-liebevolle Art, sich um die Kinder zu kümmern, die Normalform zukünftiger Elternschaft werden wird. Wenn nicht, wären das trübe Zukunftsaussichten.

Dr. Nils Bergman schließt seinen Artikel über das‚ Kangaroo Mother Care mit den Worten:
„. . . es ist ein Gebot der allgemeinen Gesundheit. Es ist zwar eine Erfindung aus der Vergangenheit aber unsere Zukunft hängt davon ab.“
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Übersetzung Reinhold W. Rausch

Geschichte des Tragens

Im Gegensatz zum Kinderwagen handelt es sich beim Tragen von Babys und Kleinkindern nicht um eine neuzeitliche Erfindung: Die Geschichte des Tragens

Tragen und Schreien

Der Einfluss des Tragens auf das Schreiverhalten des Säuglings – eine wissenschaftliche Arbeit von Dr. Urs A. Hunziker, Kinderspital Zürich